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100 Jahre Michelbeuern - Dir. Mag.a Silvana Rameder

Die Zukunft
Betrachten Sie die ersten Fotos der 100-Jahr-Feier hier.
Der ORF Beitrag befindet sich hier.

Einen Auszug der Festschrift können Sie hier herunterladen.

Hören Sie die Reden von:
Mag.ª Silvana Rameder
Mag. Walter Grafinger
Mag. Theodor Siegl
Martina Malyar
 

Sehr geehrter Hr. Sektionschef Siegl, Sehr geehrte Frau Bezirksvorsteherin Malyar, Sehr geehrter Herr Abteilungsleiter LSI Grafinger, Sehr geehrte Festgäste,

ich bin ganz beeindruckt angesichts der Darstellung der gelebten100 Jahre der Höheren Lehranstalt für Mode und Bekleidungstechnik und wirtschaftliche Berufe Michelbeuern.

Für mich ist damit bewiesen: „Wirklich Großes kann niemand alleine vollbringen..“ In diesem Sinne beginne ich meine Rede mit Danksagungen:

Allen voran möchte ich mich für Ihr Kommen, liebe Festgäste bedanken. Ganz besonders freue ich mich, dass so viele Mitwirkende an der Geschichte Michelbeuerns gekommen sind – und ich freue mich, dass Frau StR Bauer, die heuer ebenfalls ihr persönliches Jahrhundert vollendet und viele Jahre als Lehrerin und später als Fachvorständin im Haus tätig war, sich die Mühe gemacht hat mit uns zu feiern.

Ich freue mich aber auch über das Kommen aller Schulpartner und Partnerinnen aus allen Umfeldern der Schule. Wir sehen das als hohe Auszeichnung und Wertschätzung der Schule an. Danke!

Dann danke ich dem internen Organisationsteam und den Schülerinnen und Schülern, insbesondere den Fachvorständinnen, Fr. StR Seisenbacher und Fr. FOL Prinesdom, dem Projektleiter, Prof. Dr. Stamm und unseren Elternvertreterinnen, Frau Dr. Della-Schiava-Winkler und Frau Ihl. Frau Melanie Thiemer ist für die Choreografie und Moderation und Prof. Mag. Wieltschnig und sein Team für die Musik verantwortlich.

Mein ganz besonderer Dank gilt auch Hrn. Dipl. Ing. Dr. Melicher, der während der letzten 2 Jahre unglaublich viel Zeit und Kraft mit der Recherche der Geschichte unserer  Schule aufgewendet hat und gemeinsam mit den Kollegen Prof. Mag. Landsteiner und Prof. Mag. Pokorn wesentlich zum Gelingen unserer Festschrift beigetragen hat.
    
Um auch im Alltag Großes zu vollbringen, braucht es eine funktionierende Schulgemeinschaft. Diese Schulgemeinschaft war und ist die Basis für erfolgreiche 100 Jahre.

Lassen Sie mich einen Bogen über diese Zeit aus Sicht der Pädagogik und Didaktik spannen:

Wir sind eine Schule, die vor 100 Jahren mit einer Schneiderakademie begonnen hat und nun in ein mannigfaltiges Schularten-System mit sehr unterschiedlichen, aber auch wieder vielen gleichen Anforderungen gemündet ist.

Die anfängliche Ausrichtung der Schule waren Kurse zur Ausbildung von Schneider und Schneiderinnen, also eine fast ausschließliche berufsspezifische Ausrichtung. Die Wandlung der Ausbildungsziele der Schule erfolgte sehr prägend nach dem 2. Weltkrieg immer stärker in Richtung Allgemeinbildung und letztlich auch zur Vorbereitung auf weitere Bildungsinstitutionen und zur Erlangung der Universitätsreife. Eine Diversifizierung der Schulen in mehrere Ausbildungsformen erfolgte.
Die Einführung des Ausbildungsschwerpunktes „Kulturtourismus“ 1995 erwies sich als besonders gelungene Innovation.

Es spannt sich ein Rahmen von der Reformpädagogik über eine Didaktik, die rein auf reproduzierendem, faktenorientiertem Lernen beruht, hin zu einer schülerInnenzentrierten Didaktik. SchülerInnenzentriertes Arbeiten fordert und fördert Verstehen, Forschung, Problem- und Anwendungsorientierung, persönlichen Einsatz, Reflexion, Dialog und Kooperation im Team. Um Schüler und Schülerinnen zur Teamfähigkeit zu erziehen, müssen auch die Lehrer und Lehrerinnen im Team arbeiten.

Eine Form einer komplexen Umsetzung dieser Didaktik ist die Arbeit in Projekten. Projektorientiertes Lernen findet daher in Michelbeuern in fast allen Unterrichtsgegenständen statt und daraus entstehen auch erfolgreiche langfristige Verbindungen mit Partnern und Partnerinnen aus der Wirtschaft. Ähnliche Wirtschaftskooperationen waren in den ersten 50 Jahren der Schule selbstverständlich, flachten dann ab – die Allgemeinbildung gewann neben der Fachausbildung immer stärker an Wichtigkeit – um sich dann wieder zu behaupten und sich im laufenden Unterricht und insbesondere bei den fachübergreifenden Maturaprojekten zu intensivieren.

Um ermessen zu können, welchen Umfang das in unserer Schule angenommen hat, darf ich einige Kooperationspartner und -partnerinnen nennen: ORF, Bezirksvostehung, Art in the City, litauische Botschaft, Reinhard Seminar, Kinderfreunde, Erste Bank, Van Laak, Tanzschule Elmayr, Thang de Hoo, MQ, Museumsquartier Mistelbach, Österreich-Tourismus, WUK usw. usw. Ich habe es erhoben und konnte für jedes Schuljahr rd. 65 Projektpartner und Partnerinnen aus Wirtschaft, Kultur und Politik herausfinden.

Die Sprachen kommenDiese Kooperationen ermöglichen uns aber nicht nur intensive  reale Wirtschaftskontakte sondern auch das soziale Erleben einer Teamarbeit. Entscheidend erscheint uns, dass bei dieser Unterrichtsform der Prozessgedanke umgesetzt wird. Schülerinnen und Schüler dürfen/können/müssen ihre Ideen mit außenstehenden Partner und Partnerinnen spezifizieren und dann realisieren. Das bedeutet, dass nicht nur reproduziertes Wissen verlangt wird sondern fachübergreifend gedacht und gearbeitet werden muss. Das Produkt muss letztendlich auch unternehmerisch verwertbar sein und wird bei der Abschlussprüfung oder Reifeprüfung häufig mehrsprachig präsentiert. Das setzt selbstverständlich neben der fachlichen Ausbildung entsprechende Kenntnisse in Entrepreneurship und eine fundierte Ausbildung in den Fremdsprachen voraus.

Wie erfolgreich unsere Projekte abgewickelt werden, spiegelt sich einerseits in vielen Präsentationen durch die Schülerinnen und Schüler außerhalb der Schule bei ihren Projektpartnerinnen und -partnern, aber auch in Preisen, die wir bei Wettbewerben erzielen, wieder,  wobei wir besonders auf lang anhaltende und wiederkehrende Erfolge stolz sind:

Allen voran möchte ich hier den Austrian Creativ Fur Award  nennen. Dieser Award ist eine erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Jungdesigner und Designerinnen der besten österreichischen Modeschulen und Kürschnern.

Im Rahmen einer Festveranstaltung im Herbst 2007 zur 735 jährigen Geschichte der Wiener Kürschnerinnung konnten die Schülerinnen unserer Schule den 1. Peis, 2. Preis und 3. Preis  erringen. Seit mehr als sechs Jahren ist es den Schülerinnen unserer Schule immer wieder mit ihren Ideen möglich auf Spitzenplätzen auf internationalem Niveau zu landen.

Weitere Wettbewerbe gewinnen wir immer wieder, wenn Kreation, Schnitttechnik und Fertigung gefragt sind. So dürfen wir uns über Siege und erste Plätze freuen.

Selbstverständlich präsentieren wir uns auch jährlich bei diversen schulfremden und schuleigenen Modeschauen. Ich betone hier ganz besonders unsere Teilnahme bei der Stylistenparty  im Sept. 2007 in der Eventpyramide in Vösendorf mit rd. 3000 Besuchern, wo wir neben den Professionisten durchaus eine gute Figur machten.
 
Im Rahmen der Entwicklung von Österreich mit Eintritt in einen immer stärker werdenden internationalen Markt muss die Ausbildung der Schüler und Schülerinnen Schritt halten. In der Schule werden 5 Fremdsprachen unterrichtet und internationale Kontakte mit Wirtschaftsunternehmen und Schulen in Form von EU-Projekten, Praktika und sonstigen Projekten gepflegt.

Bereits in den ersten Jahren des Bestehens von Michelbeuern gab es Anregungen, Paris zu besuchen, um die Mode und die Fachausdrücke kennen zu lernen. 2008 organisieren und veranstalten wir viele Sprachreisen, Modereisen, Kulturreisen und Auslandspraktika, um eben diesen Spracherwerb unser Schülerinnen und Schüler zu intensivieren.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Etablierung Michelbeuerns als Kulturzentrum. Als hochkarätiges Beispiel sei unsere Reihe klassischer Konzerte im Exnersaal erwähnt.

Die Anforderungen an das System und das Haus Schule sind ebenso vielfältig: Die Betrachtung aus unterschiedlichen Perspektiven, wie Schul- oder Organisationsentwicklung per se, Qualitätsmanagement, Gender Mainstreaming, Einführung von Bildungsstandards, Analyse der Lernkultur und internationale Vergleiche sollen eine ständige Verbesserung der Bildung bewirken. Das Haus Schule an sich soll entsprechende fördernde Lernumgebungen schaffen. Hier weise ich auf unsere laufenden Investitionen in die IT-Vernetzung des Hauses, Verbesserung der Hard- und Software und Schaffung von individuellen Raumausstattungen hin.

Die Förderung und Forderung der einzelnen Schüler und Schülerinnen, also Individualisierung des Unterrichts - in ihren fachlichen, aber insbesondere personalen, emotionalen und sozialen Kompetenzen wird mit Hilfe von vielfältigen pädagogischen und didaktischen Maßnahmen und mit immer neuen Medien und damit einhergehenden neuen methodischen Verfahren, erreicht. Lt. Prof. Schratz, Leiter der Abteilung für Schulforschung an der Uni Innsbruck gibt es 125 verschiedene Formen von Didaktik – aber es gibt einen Mangel an Umsetzung. Ich bin ganz sicher, dass in Michelbeuern bei 125 Lehrkräften ebenso viele didaktische Ansätze anzutreffen sind und auch in vielfältiger Form umgesetzt werden. Systemisch gesehen macht genau diese Mischung den Erfolg aus.

Auch nach 100 Jahren wollen wir uns nicht auf unseren Lorbeeren ausruhen, sondern verfolgen mit viel Freude und Elan die nächsten Vorhaben:
Zunächst setzen wir die noch offenen Projekte, die sich aus der Zukunftskonferenz mit allen unseren Schulpartnern und –partnerinnen ergeben haben, um. Hier ist das laufende Projekt zu nennen, das sich mit der Modularisierung des Unterrichts und Semestrierung der Klassen beschäftigt. E-Learning ist sicherlich hinsichtlich des Einsatzes moderner Medien ein andauerndes Thema, das nicht nur in unseren 8 Laptopklassen sondern auch didaktisch in Nicht-Laptop-Klassen seinen Niederschlag findet.
 
Neue Lehrpläne für die Modeklassen werden derzeit begutachtet und gelangen im Schuljahr 2009/10 zum Einsatz.

In den nächsten Jahren sehen wir mit der bevorstehenden Generalsanierung auch einer gravierenden Veränderung entgegen. Es ist uns klar, dass der Umbau mit sehr viel Mühe verbunden sein wird und viele Ressourcen bündeln wird, uns aber danach ungeahnte Möglichkeiten eröffnet.

Sie sehen, langweilig wird uns sicher nicht. Uns so bleibt die alte Dame Michelbeuern ewig jung.
Mit meinem ausgezeichneten und professionellen Team sehe ich sehr optimistisch weiteren erfolgreichen 100 Jahren entgegen.

In diesem Sinne lassen Sie uns auf die vergangenen 100 Jahre anstoßen und danach die nächsten 100 Jahre gemeinsam angehen.

 Mag.ª Silvana Rameder

 

Die nächsten 100 Jahre haben begonnen

Was schenkt man einer 100-jährigen Dame zum Geburtstag? Im Falle der Modeschule Michelbeuern, der HLMW9, war es am 7.2. 2008 ein Festakt im hauseigenen Jugendstilsaal, der schwungvoll die Vergangenheit aufrollte und die daraus freigewordene Energie für einen Blick in die Zukunft nützte - denn ab heute gilt: Die nächsten 100 Jahre haben begonnen.

Im Mittelpunkt der Feierlichkeiten standen eine multimediale Zeitreise, inszeniert von einem LehrerInnenteam mit Melanie Thiemer und ein Ehrengast, der diese in Echtzeit miterlebt hatte - die knapp 100-jährige, ehemalige Fachvorständin an der Schule, STR Elisabeth Bauer.

Den Rahmen bildeten jene Reden, ohne die ein Festakt keiner wäre. Stellvertretend für Bundesministerin Schmied erwähnte Sektionschef Siegl die fliegenden Klassenzimmer der HLMW9 und deren Mode- und Kulturreisen als Beispiel für die Weltoffenheit und Internationalisierung der Schule, deren Innovationsbereitschaft und unternehmerisches Denken er hervorhob. Höchstes Lob von höchster Stelle.

Dem schloss sich Landesschulsinspektor Grafinger an, der an Stelle der erkrankten Stadtschulratspräsidentin Brandsteidl den Wilhelm-Exner-Saal als kulturellen Brennpunkt des Bezirks hervorstrich. Er betonte die Vielfalt an Möglichkeiten an der HLMW9 und deren Position im Brennpunkt von Wirtschaft, Unterrichtsministerium und Kommunalpolitik.

Bezirksvorsteherin Malyar sprach in einer launigen Rede - dem Anlass entsprechend - von Geburtstagen surrealer Zahlen, der - mit 102 Jahren - ältesten Alsergrunderin und davon, dass man „Direktorin Rameder das hohe Alter nicht ansehe". Sie betonte, wie glücklich sie über die gegenseitig befruchtende Zusammenarbeit von Bezirk und Schule sei.

Zum Abschluss des Festaktes betonte Direktorin Rameder die in der HLMW9 gelebte Idee des projektorientierten Lernens, die daraus resultierende Kooperation mit jährlich rd. 65 ProjektpartnerInnen aus der Wirtschaft und dem damit verbundenen Prozessgedanken, dessen - unternehmerisch verwertbares - Produkt z.B. im Rahmen von Abschlussarbeiten auch mehrsprachig präsentiert wird. Es folgte die Einladung an alle, die nächsten 100 Jahre gemeinsam anzugehen.

Die Zeitreise durch die letzen 10 Dekaden, personalisiert durch Schülerinnen und Schüler, die Modekreationen der jeweiligen Zeit trugen und Gegenstände, welche den Geist der vergangenen Jahrzehnte atmeten, fand unter den Festgästen großen Anklang.

Eingebettet in die Performance und als Bindeglied zwischen damals und heute sprach Direktorin Spellitz über ihre Schulzeit in den 50er-Jahren in Michelbeuern. Sie erzählte von Bügeleisen, die über offenen Gasflammen erwärmt wurden, fünf Knopflöchern, die als Strafe für einmaliges Schulschwänzen genäht werden mussten und berichtete, was es mit jenen Hosen auf sich hatte, deren Tragen anfangs für Mädchen verboten war. Das Ansinnen, den Hosenverschluss vorne anzubringen, wurde von der Fachvorständin abgelehnt und ihr Vorschlag, den Verschluss an der Seite zu platzieren, stieß auf wenig Gegenliebe. Was, so fragte Direktorin Spellitz ironisch, wäre hier ein tragfähiger Kompromiss gewesen: ein Verschluss rückwärts hinten?

Dipl. Ing. Dr. Melicher rief noch einmal die Meilensteine der Geschichte der Modeschule Michelbeuern in Erinnerung. 1908 wird die Schule als Schneiderakademie in der Johannesgasse 4 gegründet, in den 20er-Jahren erfolgt der Umzug in das Backsteingebäude in der Michelbeuerngasse. Während des 2. Weltkrieges wird die Schule zu einem Werkstättenbetrieb degradiert, in dem Uniformen für die Front genäht werden. 1953 gründet man eine Expositur für hörbeeinträchtigte Schülerinnen und Schüler.

Beim Festakt berichteten Günes Kartal und Sarah Taxer, die zur Zeit den Aufbaulehrgang am Bundesinstitut für Gehörlose in der Maygasse besuchen, darüber in Gebärdensprache. Eine wohltuende Stille legte sich über den Festsaal.

In den 1970er-Jahren hält die EDV Einzug in den Schulalltag. Der Europagedanke der 90er-Jahre spiegelt sich in der Einführung von Französisch, Spanisch und Italienisch wider, die nun Englisch ergänzen. Später tritt Niederländisch als Freifach hinzu. Ebenfall in den 90er-Jahren entsteht der Zweig Kulturtouristik. Dafür werden eine Lehr- und eine Restaurantküche eingerichtet. Im letzten Jahrzehnt erweitert die Schule ihre Bereiche, nimmt Marketing und Design als Ausbildungsschwerpunkte hinzu und externe Auftraggeber ins Schulboot. Die HLMW9 Michelbeuern versteht sich als Dienstleisterin und Kulturveranstalterin.

Die alte Dame Michelbeuern ist in der Gegenwart angekommen und siehe da - vor den Augen der Festgäste ist sie wieder jung geworden, so jung, dass sie mit jugendlichem Enthusiasmus die nächsten 100 Jahre beginnt.

 Frank Pokorn
 
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