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Bühnen-Pulverdampf gegen faulen Casting-Zauber

Ein rarer Glücksmoment: Die hoch gewachsene Frau (Barbara Ivanovska) und der untersetzte Mann (John Alcantara) tanzen. Ein eng umschlungenes, sich sanft wiegendes Liebespaar. Der traumwandlerische Pas de deux entkleidet die glücklich Vereinten für einige utopische Sekunden ihrer gesellschaftlichen Rollenzwänge. Er, ein kampfhundartig Tagalog bellender Bouncer eines Schauspieler-Castings, lässt sich nach jedem Rausschmiss gescheiterter Bewerber vom allmächtigen Stage Director den Helm tätscheln. Sie, eine mittellose Actrice, hat sich beim Casting mit dem serbischen Song „Neznanje“ (Unwissenheit) beworben. Erfolglos. Für ihre amouröse Aufmüpfigkeit wird sie vom Direktor alsbald abgeschlachtet – The show must go on…

Die Liebe und Tod verbindende Vignette entstammt einer Dramatisierung von Raymond Queneaus „Exercise de Style“, die das Regieduo Lore Landsteiner-Aigner und Benjamin Prins mit dem ’Theatre Polyglotte Michelbeuern’ Ende März/Anfang April auf das Parkett des Wilhelm-Exner-Saales zauberte. Ausgehend von der ursprünglich auf 99 Arten erzählten Anekdote einer banalen Beinahe-Begegnung zweier Bus-Reisender entwickelte die experimentierfreudige Truppe eine Szenenfolge in sieben Sprachen. Um babylonischer Publikumsverwirrung vorzubeugen, lief die deutsche Version der Original-Anekdote auf zwei Projektionsflächen zum Mitlesen.

In Form der Nummern-Dramaturgie eines revueartigen Szenenbogens wird hier auf einer stilisierten Laufstegbühne ein ums andere Mal dieselbe Machtkonstellation variiert: Die in ihrer Isolation machtlose Künstlerfigur, egal ob mit Putze oder Grande Dame im schauspielerischen Repertoire, sieht sich bei einem Schauspieler-Casting der Willkür eines allgewaltigen Regisseurs ausgeliefert. Weder französische Alexandriner noch freie Verse auf Schwedisch erweichen ihn, die Einlagen der mimischen Eintänzer verfallen seinem tyrannischen Verlangen nach immer unerfüllbareren Regie-Vorgaben. Gedemütigt, ohnmächtig protestierend und von seinem aggressiven Adlatus mit Handgreiflichkeiten bedroht, ziehen sie erfolglos ab.

Diese Zuspitzung des Verhältnisses Künstler-Gesellschaft in der Bühnenfassung macht Queneaus einstige Wahrnehmungs- zur aktuellen Gesellschaftskritik. Etwa an der schleichenden „Demokratiedämmerung“ (Robert Menasse). Oder an jener „Refeudalisierung“, wie sie der Medienphilosoph Peter Weibel schon vor der Krise in den ungleichen Machtverhältnissen zwischen neuem Geldadel (z. B. Berlusconis Mediokratie) und künstlerischen Minderheiten erkannte. Freilich: Die scharfe Munition der kollektiv erarbeiteten Querschüsse des ’Theatre Polyglotte“ stammt eher aus der Pariser Pulverfabrik, also Ariane Mnouchkines Cartoucherie. Und mancher groteske Gedankenblitz erinnert an Jerome Savarys provokative Bühnen-Pyrotechnik.

Schauspielerisch bietet die Queneau-Paraphrase einige Meisterleistungen: Vom Rollen deckend im Billy-Wilder-Englisch lispelnden Stage Director (Jakob Plenk) über die neurotische Zappel-Karikatur des Coquillette (Benjamin Prins)) und eine (körper)sprachlich präzise Grande-Dame-Dekonstruktion (Lore Landsteiner-Aigner) bis zur pseudo-infantilen Partnerlook-Komik der Thompson Sisters (Julia Pfeiffer, Ellie Buchdahl). Ein Schauspiel-Team der Talente, das bei internationalen Festival-Auftritten beste(c)hen könnte. Etwa beim Fringe Theatre Festival in Edinburgh. Viel besser spielen die andern dort nämlich auch nicht.

Franz Landsteiner
 
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