Die Großfeldsiedlung liegt in London Pointierte Sprachspiele auf den Brettern, die die Welt bedeuten - die Schauspieltruppe um Frau Professor Kovacs gibt „Pygmalion“ - und ein alter Menschheitstraum wird wahr. George Bernard Shaws „Pygmalion“: Parabel auf die ewige Diskussion um Anlage oder Umwelt oder Gleichnis auf den Traum, die Persönlichkeit eines Menschen neu erschaffen zu wollen? Bei Shaw ist es aber nicht der antike Bildhauer, der seine Statue zum Leben erweckt, sondern der Phonetikprofessor Higgins, der das Blumenmädchen Eliza in der feinen Gesellschaft zum Erblühen bringen möchte. Anstoß dafür ist eine Wette. Dass sich im Endeffekt die Verhältnisse umkehren und es schließlich Eliza gelingt, dem Professor eine „education sentimentale“ angedeihen zu lassen, ist die Pointe des Stücks. Der Schauspieltruppe um Frau Prof. Kovacs gelingt es wunderbar, genau diesen Punkt heraus zu arbeiten. Die Aufführung wird mit den bewährten Mitteln des Regietheaters flott vorangetrieben und die Pointen sauber gesetzt. Davon schüttet das Stück ein wahres Füllhorn aus. Charmant ist die Übersetzung Londoner Stadtteile in österreichische Landstriche, denen der Phonetikprofessor allein aufgrund der Aussprache seine Mitbürgern zuordnen kann: „Tulln – Brigittenau – Großfeldsiedlung.“ Dabei hätte man ruhig noch mehr Mut zeigen und die Geburtsorte der Figuren auch mit jenen ihrer Darsteller in Übereinstimmung bringen können. Es ist entzückend, eine Vorarlbergerin im Wiener Dialekt sprechen zu hören, wir hätten uns aber auch über ein echtes Vorarlbergerisch gefreut – wozu haben wir diesen Dialekt in zahlreichen Interviews mit Schifahrerinnen verstehen gelernt? Nachdem der schuleigene Exner-Saal mit Hilfe einer Bühne der benachbarten Volksoper in einen Theatersaal umgewandelt worden war, bietet sich eine schulbezogene Interpretation des Stückes an. Für Professor Higgins werden seine Schüler dann zum Problem, wenn sie selbständig zu denken beginnen und Eliza äußert am Ende den Wunsch selbst Lehrerin zu werden, und zwar um es besser zu machen. Wird man da nicht an die pädagogische Allmachtsphantasie erinnert, aus den Schülern neue Menschen erschaffen zu wollen? Higgins und sein Wettpartner Pickering sprechen in Anwesenheit Elizas nur über deren Leistungen, ohne sie als Menschen zu beachten. Kann dies als Anregung an die Lehrerschaft gesehen werden, die Einstellung zu Schülern zu überdenken? Während des Stückes allerdings bleibt die Zeit zum Nachdenken für die Zuschauer begrenzt, zu sehr sorgen die Schauspielerinnen – diesmal ausnahmslos ohne großes I – dafür, dass man an der Handlung Anteil nimmt. Nadine Rauscher als Eliza zeigt uns die wunderbarsten Wutausbrüche, Elisabeth Kovacs als Higgins entwickelt sich vom Rüpel zum selbstreflektierten Menschen, nicht zuletzt durch die mütterlichen Ratschläge von Marylyn Mercado. Nayomi Keller als Oberst Pickering steht „seinem“ Freund verständnisvoll und zurückhaltend zur Seite, Mrs. Eynsford-Hill, gespielt von Samantha Taruvinga, ist eine ältliche Tante wie sie im Buche steht. Während Esther Münstedt als ihr Sohn Freddy sich stilecht englisch um Taxis kümmert, lässt sich ihre Tochter Clara (Veronika Bischoff) vom neuen Plauderton („Die Alte wurde abgemurkst“) begeistern. Jessica Quell als Haushälterin bei Higgins zeigt resignativ-deutlich, was sie von den Marotten ihres Arbeitgebers hält. Johanna Olschbaur spielt den schlagfertigen Müllkutscher Alfred Doolittle, der sich als Elizas Vater Moral nicht leisten kann. Die schauspielerische Leistung von Veronika Bischoff und Jessica Quell ist besonders hervor zu heben, es wäre schön, sie in Zukunft auch in größeren Rollen zu sehen. Die Kostüme wurden von der Projektgruppe des 3.ALG zur Mode von 1912 passend ausgewählt. Nur der –für 1912 zu kurze – Rock des Stubenmädchens (Tamara Loesch) setzt einen Kontrapunkt. Eliza erfährt auch äußerlich eine Wandlung, die sie in vier Stufen vom schlammfarbenen Blumenmädchenkostüm bis zum roten Kleid mit Juwelen führt. Das Bühnenbild von Jessica Quell gibt der jeweiligen Szene ihre Impulse, darunter das klassische Kaffeeservice und die Tafel mit den Artikulationsorganen im Zimmer des Professors. Wir wollen mehr von diesem Regietheater und wir wollen es unbedingt zur 100-Jahr Feier im kommenden Jahr. Es lebe das Theaterspiel in Michelbeuern!
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