Drucken

Ohne Vergangenheitsbewältigung gibt es keine Zukunftsgestaltung

Die Expositur für Hörbehinderte der HLMW9 Michelbeuern ging am 20. April 2007 am Bundesinstituts für Gehörlosenbildung weit über eine schulische Projektpräsentation hinaus

Mauthausen 1Es begann wie eine ganz normale Präsentation eines Schulprojekts. Doch es wurde viel mehr – ein beeindruckendes Beispiel dafür, wie Geschichte lebendig werden kann. Verantwortlich dafür waren die engagierten SchülerInnfn, die LehrerInnen, welche das Projekt in fächerübergreifendem Unterricht vorbereitet hatten und die Zeitzeugen – jene, die von den SchülerInnen befragt wurden und jene, die im Publikum saßen, und für die ihre eigene Vergangenheit plötzlich wieder wie mit Händen greifbar wurde.

Die Expositur für Hörbehinderte der HLMW9 lud am 20. April 2007 zur Projektpräsentation in die Aula des Bundesinstituts für Gehörlosenbildung. Inhalt: Der zweite Weltkrieg und wie ihn gehörlose Zeitzeugen erlebt hatten. Ende Jänner waren die SchülerInnen zum ehemaligen Konzentrationslager Mauthausen und zur ehemaligen Euthanasieanstalt Schloss Hartheim gefahren. Dabei war ein Kurzfilm gedreht worden und er zeigte vor allem eines: wie sich die unfassbaren Geschehnisse auf den Gesichtern der Schüler widerspiegelten.

Mauthausen 02Im Religionsunterricht war der Versuch unternommen worden, das Gesehene in einem Kreuzweg zu verarbeiten, der das Leiden Jesu mit dem Holocaust verband. Titel: Jesus unter dem Hakenkreuz. 4. Statíon: Jesus wird nach Mauthausen überstellt. 7. Station: Jesus wird zur Entlausung in das Bad gedrängt. 9. Station: Jesus wird als unser Bruder in Mauthausen vergast. Die Texte wurden mit Bildern des Südtiroler Malers Ernst Degasperi unterlegt und mittels Collagetechnik ergänzt und verändert. Warum hat denn keiner etwas dagegen getan? Das Milgram-Experiment versucht, darauf eine Antwort zu geben. Sein Resultat ist erschreckend: unbescholtene Bürger der USA in den 1960er Jahren waren akut gefährdet, so zu handeln, wie es Lagerkommandanten in Konzentrationslagern getan hatten. Beider Ausrede: „Mächtige Autoritäten haben es uns angeschafft, was hätten wir tun sollen?“ Und sie sahen ihre Opfer nicht. Entmenschlichung als Grundlage grausamster Verbrechen.

Das Berührende dieses Projekts war, dass den nackten Daten und Zahlen der Geschichte wieder ein menschliches Antlitz zurückgegeben wurde. Dementsprechend war die Befragung hörgeschädigter Zeitzeugen für die SchülerInnen einer der Höhepunkte, ermöglicht durch das Team des WITAF. Dieser Erfahrungsaustausch führte zu einer intensiven Zusammenarbeit. Das sah man auch in einem kleinen Film. Die Hände und Gesichter der älteren Menschen erzählten von ihrer Schulzeit während des Krieges. Die SchülerInnen der HLMW9 griffen die Geschichte von Maria Kandler heraus, einer ehemaligen Schülerin des - damals so genannten - Taubstummeninstituts. Sie hatte mit anderen SchülerInnen und ErzieherInnen einen Fliegerangriff auf die Schule miterlebt. Sie konnte damals noch rechtzeitig den Schutzraum im Keller des Instituts aufsuchen. Am Tag der Projektpräsentation saß sie mitten im Publikum.

Mauthausen 03Am Ende der Präsentation war es für einen kurzen Moment sehr still. Der Applaus setzte ein, als die letzte Folie den Leitsatz des Projekts zeigte: „Ohne Vergangenheitsbewältigung gibt es keine Zukunftsgestaltung.

Alle Beteiligten des Projekts waren großartig! Ihre Namen zu nennen, würde leider den Platz sprengen, deshalb sei stellvertretend Diplompädagogin Susanne Lazarus erwähnt, die durch ihre Koordinationsarbeit jener Aufforderung folgte, die aus den Gräueln des Nationalsozialismus resultiert: Niemals vergessen!

Frank Pokorn
 
No Image No Image No Image

Kommende Termine...

No Image No Image
Image for PIWIK Statistic